Forschung
Was unser (politisches) Denken und Handeln beeinflusst
Die politische Dimension von Achtsamkeit
Forschung an der Schnittstelle von Politikwissenschaft und Psychologie
Warum denken wir, was wir denken? Woher kommen unsere politischen Einstellungen? Was beeinflusst unser Handeln? Es sind Kernfragen der Sozialwissenschaften. Die meiste Zeit haben wir Antworten im Außen gesucht, und auch gefunden: Einkommen, Bildung und Beruf beeinflussen unsere (politischen) Entscheidungen. Mehr und mehr zeigt sich aber, dass diese sozioökonomischen Faktoren an Erklärungskraft verlieren.
Es scheint weniger darum zu gehen, in welcher, vermeintlich objektiven, Realität wir uns bewegen und mehr darum, wie wir sie subjektiv erleben.
Gefühle rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit: die Angst vor Veränderung, die Wut über die Eliten, die Scham, abgehängt worden zu sein. Zufriedenheit, Verbundenheit, Vertrauen in andere Menschen und Institutionen. Es wird immer klarer, dass Gefühle nichts “Privates” sind. Sie sind hochpolitisch. Denn sie beeinflussen, wie wir Geschehnisse einordnen, interpretieren. Und welches Handeln wir daraus ableiten.
Damit stellt sich die Frage: wenn unsere Wahrnehmung so gefärbt ist von Gefühlen und kognitive Verzerrungen (Biases) uns den Blick auf die wirklichen Gegebenheiten verstellen - wie können wir wieder klarer sehen?
Und genau hier kommt Achtsamkeit ins Spiel. Die menschliche Fähigkeit, Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind (und nicht wie wir sie gerne hätten). Achtsamkeit bedeutet, ganz bewusst und ohne zu bewerten wahrzunehmen, was gerade, in diesem Moment, ist.
Achtsamkeit hat in den letzten Jahren einen massiven Zuwachs an Popularität erfahren. Auch, weil die positiven Effekte der bewussten Kultivierung von Achtsamkeit auf individuelle Parameter (wie Stress, Wohlbefinden, Schmerzwahrnehmung) gut beforscht wurden. Kaum beachtet wurde bisher aber die potentielle politische Dimension von Achtsamkeit.
Wenn Achtsamkeit verändert, wie wir mit Gefühlen umgehen, welchen Bezug wir zu Gedanken haben und wie wir uns in der Welt verorten, dann hat sie einen Einfluss auf unser Denken und Handeln. Auch auf unser politisches. Damit ist Achtsamkeit nicht mehr privat, sie ist eine politische Praxis. Und so stellt sich unweigerlich die Frage, um die sich meine Forschung in den letzten Jahren gedreht hat:
Wie wirkt sich (die Kultivierung von) Achtsamkeit auf unser (politisches) Denken und Handeln aus?
Was hat Achtsamkeit mit Politik zu tun?
Zuerst hab ich versucht zusammenzutragen, was wir darüber schon wissen. Und das war in der Politikwissenschaft erstaunlich wenig. Dabei ist längst bekannt, dass Gefühle wie Wut, Angst oder Ekel unsere politischen Einstellungen prägen. Und dass wir Informationen, die nicht in unser Weltbild passen, gern übersehen oder abtun. Achtsamkeit setzt genau da an. Sie verändert, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken und wie wir uns selbst wahrnehmen. Studien zeigen, dass Achtsamkeitstraining Wut und Angst dämpfen kann und uns eher bereit macht, auch Unangenehmes anzuschauen. Und genau davon hängt ab, ob wir Menschen mit anderen Meinungen überhaupt zuhören oder uns lieber unter Gleichgesinnte zurückziehen.
Ramstetter, L. (2021). The political consequences of be(com)ing mindful: How mindfulness might affect political attitudes. Frontiers in Political Science, 3, Article 673054. https://doi.org/10.3389/fpos.2021.673054
Meditation statt Information?
Entgegen der Hoffnung, dass mehr Wissen Menschen zu umweltfreundlicherem Verhalten bewegen würde, sehen wir zunehmend, dass mehr Fakten über den Klimawandel Fronten eher verhärten. Wer schon skeptisch ist, sucht sich die Informationen, die ins eigene Bild passen. Und so verstärkt die Klimawandeldebatte politische Polarisierung – und politische Polarisierung verhindert notwendige Schritte in Richtung Klimaschutz.
Kann Meditation da etwas bewirken, wo Information an ihre Grenzen stößt? Das haben wir mit über 500 Demokrat:innen und Republikaner:innen in den USA untersucht. Sie haben zehn Minuten lang entweder eine Achtsamkeitsmeditation gemacht, eine Meditation der Liebenden Güte oder gar keine. Und das Ergebnis hat uns überrascht. Republikaner:innen, die Liebende Güte geübt hatten, standen der anderen Partei danach weniger ablehnend gegenüber. Allerdings hat unser Experiment noch etwas anderes gezeigt: Demokrat:innen, die eine Achtsamkeitsmeditation gemacht hatten, bei der es ums Beobachten von Gedanken und Empfindungen ging, stimmten eher der Aussage zu, dass der Mensch über die Natur herrschen sollte.
Die Ergebnisse zeigen uns, dass Meditation politisch ist. Und dass es entscheidend ist, was wir praktizieren. Achtsamkeitspraxis, die das Herz nicht im gleichen Maße wie den Geist schult, läuft Gefahr, Egozentrismus zu befördern. Die Kultivierung von Freundlichkeit und Mitgefühl, die in der buddhistischen Praxis untrennbar mit Achtsamkeit verbunden ist, entscheidet darüber, wie sich Meditation auf unser Denken und Handeln auswirkt.
Ramstetter, L., Klackl, J., Jonas, E., & Spilker, G. (2025). Meditation, not information? A survey experiment probing the effects of meditation practice on affective polarization and pro-environmentalism. Mindfulness, 16, 507–524. https://doi.org/10.1007/s12671-025-02525-8
Was passiert, wenn Führungskräfte
Achtsamkeit und Mitgefühl üben?
Wenn Mitgefühl so entscheidend ist, was passiert dann, wenn Menschen beides üben, Achtsamkeit und Mitgefühl? Und zwar Menschen, deren Entscheidungen viele betreffen? Führungskräfte aus verschiedenen europäischen Organisationen haben im Rahmen des EU Climate Leadership Program zehn Wochen lang meditiert, sind achtsam durch die Natur gegangen und haben sich in kleinen Gruppen ausgetauscht. Danach waren sie achtsamer, freundlicher mit sich selbst und fühlten sich der Natur verbundener. Sie hatten weniger Angst vor der Klimakrise, und es ging ihnen besser. Und sie haben mehr für Klima und Umwelt getan, daheim, politisch, etwa indem sie Petitionen unterschrieben haben, und in ihrer Arbeit, wo sie Klimafragen stärker in Budgets und Strukturen ihrer Organisation getragen haben.
Ramstetter, L., Rupprecht, S., Mundaca, L., Osika, W., Stenfors, C. U. D., Klackl, J., & Wamsler, C. (2023). Fostering collective climate action and leadership: Insights from a pilot experiment involving mindfulness and compassion. iScience, 26(3), Article 106191. https://doi.org/10.1016/j.isci.2023.106191
Meine Dissertation “Diamonds on the Inside. How Individual-Level Factors Shape Pro-Environmentalism”, die noch weit mehr Forschung beinhaltet, ist über die Bibliothek der Universität Salzburg öffentlich zugänglich.
Mehr zu meiner Forschung auch auf Google Scholar.

