Hochschullehre
Fähigkeiten für eine Welt im Umbruch
Was braucht es, um in einer unsicheren Welt handlungsfähig zu bleiben?
Die Krisen unserer Zeit – ob ökologische, politische oder soziale – sind nicht nur eine Frage von Wissen und Technik, sondern auch von Wahrnehmung, Haltung und Beziehung. Wie Menschen Unsicherheit erleben und deuten, wie sie mit Widerspruch und Ohnmacht umgehen, ob sie in Trennung oder Verbundenheit denken – all das entscheidet darüber, ob gesellschaftlicher Wandel gelingt oder zu mehr Konflikten führt. Fachwissen bleibt unverzichtbar, doch zunehmend wird auch deutlich, dass es erhebliche sozio-emotionale Fähigkeiten braucht, um dieses Wissen verantwortungsvoll, gemeinwohlorientiert und nachhaltig anwenden zu können.
Gerade Hochschulen stehen damit in einer besonderen Verantwortung. An Universitäten wird jene Generation ausgebildet, die die Veränderungen der kommenden Jahrzehnte tragen und gestalten wird. Ob sie das umsichtig und tragfähig tut, hängt auch davon ab, welche Kompetenzen wir ihr heute mitgeben. Denn die Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft – und die Studierenden als potenzielle Transformationsprotagonist:innen – stehen, lassen sich nicht allein kognitiv bewältigen. Um in einer von Unsicherheit und Komplexität geprägten Welt handlungsfähig zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen, braucht es mehr als analytisches Problemlösen: es braucht die Fähigkeit, Ambiguität auszuhalten, andere Perspektiven einzunehmen, tragfähige Beziehungen aufzubauen und aus einer inneren Stabilität heraus zu führen.
Diese Kompetenzen erfahren in bildungspolitischen Debatten unter den Begriffen Future Skills oder transformative und transversale Kompetenzen zunehmend Beachtung. Auf europäischer Ebene hat die Gemeinsame Forschungsstelle der Europäischen Kommission mit LifeComp (Sala et al., 2020) einen Referenzrahmen für persönliche, soziale und lernbezogene Kompetenzen vorgelegt und mit GreenComp (Bianchi et al., 2022) einen für Nachhaltigkeitskompetenzen – beide anknüpfend an die Empfehlung des Rates zu Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen (Council of the European Union 2018). Zu diesen zählen, unter anderem, Selbstregulation, Empathie, Kommunikation, Kollaboration und Ambiguitätstoleranz/Flexibilität.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht aus der rein kognitiv-konzeptuellen Auseinandersetzung mit Problemen. Man erwirbt sie nicht, indem man viel über sie liest und über sie nachdenkt. Wir können viel über Ambiguitätstoleranz, Mitgefühl und kognitive Verzerrungen wissen – und in entscheidenden Situationen trotzdem anders handeln, als es rational “Sinn” ergeben würde.
Diese Fähigkeiten entstehen in einer Praxis, die Denken, Fühlen und Handeln in Beziehung zueinander setzt und so Denk- und Handlungsspielräume weitet.
Für mich schließt diese Arbeit nahtlos an meine Forschung an. Dort geht es darum, wie innere Prozesse unser Handeln prägen. In der Lehre möchte ich Studierende dabei unterstützen, diese Fähigkeiten auszubauen, die sie bereits in sich tragen, um mit Unsicherheit umzugehen. Dafür braucht es Räume, in denen Lernen in Verbundenheit und im Austausch stattfindet, damit Denken und Fühlen wieder zusammenfinden.
Zwei Lehrveranstaltungen, die ich wiederholte Male an der Universität Salzburg angeboten habe, zeigen exemplarisch, wie das konkret aussehen kann. Beide richten sich an Studierende aller Studienrichtungen und verbinden aktuelle Forschung aus den Sozialwissenschaften und der Psychologie mit täglicher Achtsamkeits- und Mitgefühlspraxis, Reflexion und Dialog. Sie gehen dabei zwei unterschiedlichen und doch ineinandergreifenden Fragen nach: Was brauchen wir, um uns in einer Zeit multipler Krisen wieder zu verbinden? Und wie entstehen Vorurteile, die gesellschaftliche Ungleichheit mittragen, und was verändert sich, wenn wir sie bei uns selbst bemerken?
PS Navigating the Polycrisis | A Mindfulness-Based Exploration of Climate and Social Resilience
Das Proseminar Navigating the Polycrisis: A Mindfulness-Based Exploration of Climate and Social Resilience fragt: was brauchen wir, um in einer Zeit der Polykrise handlungsfähig zu bleiben oder zu werden?
Dabei beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme unserer Zeit. Werfen einen Blick auf die überlappenden, sich gegenseitig verstärkenden Krisen, mit denen wir uns konfrontiert sehen: Umweltzerstörung, politische Polarisierung, wirtschaftliche Instabilität, Wohnungskrise, Einsamkeit. Diese komplex miteinander verflochtenen Krisen werden gern als “Polykrise” bezeichnet - und dennoch oft als separate Krisen mit unterschiedlichen Lösungen gedacht. Hier versuchen wir uns an einem anderen Zugang: Was wäre, wenn die Krisen unserer Zeit Ausdruck einer größeren, tieferen Krise sind? Einer Krise der Getrenntheit? Von uns selbst, anderen Menschen und der Welt als Ganzes.
Aufbauend auf der Hypothese, dass Narrative (unbewusst) unser Erleben, Denken und Handeln prägen, fragen wir in einem ersten Schritt: Welche Geschichten erzählen wir uns denn über die Welt? Über das, was wichtig und richtig ist? Was wurde belohnt, als wir Kinder waren? Wem glauben wir? So beleuchten wir die Weltanschauungen (world views), die uns helfen, diese Welt zu navigieren. Sichtbar werden so die Stärken dieser inneren Karten, aber auch ihre Schwächen. Viele von uns sind sozialisiert in einem System, das nach dem grundlegenden Verständnis der “Moderne” funktioniert: dass das Leben mechanistisch zu erklären ist, ein Rädchen ins andere greift; dass nur existiert, was messbar ist, und nur gilt, was sich wissenschaftlich belegen lässt; dass wir unabhängige Einzelne sind, die für ihr eigenes Glück zuständig sind; dass Wissenschaft und Technik uns in eine immer bessere Zukunft führen. Und dass die Natur eine Ressource ist, die wir nach Belieben für unsere Zwecke nutzen können.
In Reflexionen, Übungen und Austausch fragen wir: was machen diese Annahmen über die Welt mit uns? Wie prägen sie unser Verständnis von Krisen - und deren Lösungen? Welchen Preis zahlen wir für die Geschichte der Trennung, die Story of Separation? Und was wären andere Geschichten, die wir uns auch erzählen könnten? Und so erkunden wir gemeinsam, wie es sich anfühlt, in einer Geschichte der Verbundenheit zu leben, in der alles und alle Teil des Netzes des Lebens sind.
Über acht Wochen verweben Studierende konzeptuelles Wissen aus Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie mit Praxis. Das Fundament bilden dabei Achtsamkeitspraktiken, die Studierenden dabei helfen, in Kontakt mit ihrem unmittelbaren Erleben zu kommen. Ihre eigenen Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster kennenlernen und immer klarer sehen, wie diese zusammenwirken und woher sie stammen. Eine wachsende Forschungsliteratur dokumentiert, was anhaltende kontemplative Praxis kultiviert: gesteigerte Aufmerksamkeit und Emotionsregulation, Körperwahrnehmung, mehr Mitgefühl, prosoziales Verhalten und umweltbezogenes Engagement.
Diese Fähigkeiten werden oft als Future Skills oder Transformative Skills bezeichnet. Denn um die Komplexität und Unsicherheit, die wir gerade erleben, gut zu handhaben, braucht es mehr als rational-analytisches Denken. Es braucht uns als ganze Menschen, mit unseren Gefühlen, Gedanken, fühlenden Körpern. Um diese Qualitäten zu kultivieren, üben die Studierenden täglich etwa dreißig Minuten: Bodyscan, Sitz- und Gehmeditation, Liebende-Güte- und Dankbarkeitspraxis. Sie reflektieren diese Erfahrungen in wöchentlichen Reflexionstexten und gemeinsam im Seminar: im Austausch in der großen Gruppe, in Kleingruppenübungen und im Dialog zu zweit. Dabei lernen sie, wirklich zuzuhören, ihren Blick zu weiten – und entdecken dabei oft, dass sie nicht allein sind, mit ihren Sorgen und Hoffnungen.
Universität Salzburg | Sommersemester 2025 und 2026
„Not everything that is faced can be changed,
but nothing can be changed until it is faced."
–James Baldwin
PS The Inner Work of Social Justice
Trotz langjähriger Bemühungen um Gleichberechtigung und Vielfalt bestehen Ungleichheiten in allen Bereichen unserer Gesellschaft fort. Geschlecht, Herkunft, sexuelle Identität, Religion oder sozio-ökonomischer Hintergrund bestimmen mit, wer Zugang zu welchen Ressourcen hat. Strukturelle und institutionelle Veränderungen sind dringend notwendig. Gleichzeitig wirkt Ungleichheit auch in uns und durch uns: in Stereotypen, die automatisch in uns auftauchen; in Vorteilen, die entscheiden, wie wir handeln, oft noch bevor wir sie überhaupt bemerken; in Diskriminierung, die wir reproduzieren, auch ohne es zu wollen.
Was braucht es, um zu Akteur:innen einer gerechteren Welt zu werden? Welche Qualitäten können wir kultivieren, um zu mehr Gerechtigkeit beitragen zu können? Über zehn Wochen gehen Studierende diesen Fragen in Theorie und Praxis nach. Aktuelle Forschung aus der Politikwissenschaft und Psychologie hilft uns, besser zu verstehen, warum wir in Kategorien denken, wie verzerrte Wahrnehmung und motivated reasoning die Einschätzung von Situationen bestimmt – und welche Rolle Stress dabei spielt.
Gleichzeitig fragen wir: wo bemerken wir diese Muster bei uns? Durch die bewusste Kultivierung von Achtsamkeit – der Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen genau so wahrzunehmen, wie sie gerade sind – können Studierende mehr und mehr die Denk- und Handlungsmuster erkennen, die Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung zugrunde liegen. Durch eine tägliche Meditationspraxis schulen die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeits- und Emotionsregulationsfähigkeiten genauso wie ihre Körperwahrnehmungsfähigkeiten. Dabei schaffen sie mehr und mehr Freiraum im Denken und Handeln, der es ihnen ermöglicht bewusste Entscheidungen zu treffen anstatt im Autopilot-Modus zu Getriebenen unbewusster Entscheidungsprozesse zu werden.
In wöchentlichen Treffen vertiefen und reflektieren die Studierenden ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in verschiedenen Gruppenkonstellationen – in der Großgruppe, in Kleingruppen und Zweierpaaren –, lernen einander wirklich zuzuhören und können so ganz unmittelbar erfahren, wie viel sie verbindet. Ausgehend von diesen Einsichten fragen sie schließlich auch, wo die Grenzen innerer Arbeit liegen und verorten ihre eigenen Erfahrungen im größeren Kontext.
Universität Salzburg | Wintersemester 2023/24, Sommersemester 2024, Wintersemester 2024/25
MSc Mindfulness & Sustainability – Kompetenzen für eine regenerative Transformation
Was in den einzelnen Seminaren beginnt, bekommt ab 2027 einen größeren Rahmen. An der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich entsteht gemeinsam mit der Achtsamkeits-Akademie Wien der berufsbegleitende Master Mindfulness & Sustainability, den ich im Kernteam mitgestalte. Er geht von derselben Beobachtung aus wie die Seminare: Die tiefsten Hebel für Wandel liegen in den Denkweisen, Werten und Paradigmen, aus denen heraus wir handeln, und gerade sie werden bislang am wenigsten genutzt.
Das Studium ruht auf drei Säulen: Erfahren – bedeutet das eigene Erleben mit Hilfe von Achtsamkeits- und Mitgefühlspraxis über alle sechs Semester zu beobachten. Wissen – kommt aus Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung, Psychologie sowie Politik-, Wirtschafts- und Bildungswissenschaften. Handeln – findet in eigenen Projekten im Berufs- und Lebensfeld statt.
Der Master richtet sich an Menschen, die Wandel mitgestalten wollen, in Schulen, Unternehmen, Verwaltung oder Zivilgesellschaft. Die Gruppe bleibt über das ganze Studium zusammen, damit Engagement nicht auf den Schultern Einzelner ruht. Was im Seminar über einige Wochen erfahrbar wird, kann hier über drei Jahre wachsen.
Mehr Infos zu dem Masterstudiengang auf der Website der KPH und der Achtsamkeitsakademie.

